Neue Strategie im Streit um 71 Mio. US-Dollar eingefrorenes Ether
Anwälte von Opfern nordkoreanischer Cyberangriffe stufen rsETH-Exploit als Betrug statt Diebstahl ein – ein entscheidender juristischer Unterschied mit potenziell weitreichenden Folgen.
Veröffentlicht
7. Mai 2026

Mehr als 71 Millionen US-Dollar in Ether liegen seit Wochen auf Eis – eingefroren auf einer Blockchain, die eigentlich keine Zensur kennt. Im Kern des Streits steht die Frage: War der Angriff auf das DeFi-Protokoll Aave im April ein simpler Diebstahl – oder raffinierter Betrug? Je nach Antwort könnten die Vermögenswerte an die Geschädigten gehen oder an die Täter. Nun versuchen die Anwälte der Opfer, die Waage zu ihren Gunsten zu kippen – mit einer überraschenden Argumentation.
Neue rechtliche Einordnung
In einer 30-seitigen Stellungnahme vor dem Southern District of New York argumentieren die Juristen der nordkoreanischen Terroropfer, der rsETH-Exploit vom 18. April sei kein klassischer Diebstahl gewesen, sondern ein betrügerisches Kreditgeschäft. Das ist kein akademisches Detail: Nach geltendem US-Recht könne ein Betrüger unter bestimmten Umständen das rechtliche Eigentum (legal title) an einem erlangten Vermögenswert erwerben – auch wenn dieser Erwerb später anfechtbar ist.
„Was tatsächlich passiert ist: Nordkorea hat sich Vermögenswerte von Nutzern des Aave-Protokolls geliehen und nicht zurückgezahlt. Als das Aave-Protokoll die Sicherheiten liquidieren wollte, stellte es unglücklicherweise fest, dass diese wertlos waren“, heißt es in der neuen Eingabe.
Die Anwälte ziehen einen historischen Vergleich: „Das Gesetz ist glasklar: Ein Betrugsopfer überträgt dem Betrüger Eigentum, nicht nur Besitz … Charles Ponzi erlangte durch sein namensgebendes Schneeballsystem ein ‚anfechtbares Eigentum‘ am Geld seiner Opfer.“
Der Fall und seine Vorgeschichte
Der Ursprung des Konflikts liegt in einem Cross-Chain-Bridge-Exploit, der rund 230 Millionen US-Dollar aus Aave abzog – dem größten dezentralen Kreditprotokoll nach gesperrtem Gesamtwert. Ein Angreifer, den Forensik-Firmen wie Chainalysis und TRM Labs der nordkoreanischen Lazarus Group zuschreiben, prägte ungedeckte rsETH-Token, hinterlegte sie als Sicherheit auf Aave und lieh sich echtes Ether gegen die wertlosen Einlagen. Entwickler des Arbitrum-Netzwerks fingen später rund 71 Millionen US-Dollar ab, bevor sie ausgezahlt werden konnten.
TRIA als Trumpf?
Die neue Klageschrift geht noch weiter: Sie beruft sich auf den Terrorism Risk Insurance Act (TRIA), ein US-Bundesgesetz aus der Zeit nach dem 11. September. TRIA erlaubt es Personen, die vor Gericht Urteile gegen staatliche Förderer des Terrorismus erwirkt haben, diese aus jedem in den USA befindlichen Vermögen des betreffenden Landes einzutreiben. Sollte das Gericht dieser Theorie folgen, könnten Aaves bisherige Argumente zum New Yorker Eigentumsrecht an Bedeutung verlieren.
Die Kläger stellen zudem Aaves Rechtsstellung infrage: Das Unternehmen selbst schreibt in seinen Nutzungsbedingungen, es habe weder „Besitz, Verwahrung noch Kontrolle“ über Nutzervermögen – ein Kernprinzip des dezentralen Finanzwesens. Wenn Aave rechtlich gar nicht über die Vermögenswerte verfüge, frage sich, mit welcher Berechtigung es die Beschlagnahme anfechte, so die Anwälte.
Ein Fonds als Lösung?
Ein bemerkenswerter Punkt am Rande: DeFi United, ein von der Industrie getragener Wiederauffüllungsfonds, an dem Aave selbst beteiligt ist, hat nach Angaben der Kläger bereits 327,95 Millionen US-Dollar eingesammelt – mehr als das Vierfache der umstrittenen 71 Millionen. Die betroffenen Nutzer bräuchten das eingefrorene Ether möglicherweise gar nicht.
Eine Anhörung ist für Mittwoch, den 6. Mai, vor einem Bundesgericht in Manhattan angesetzt. Sollte das Gericht der Betrugsargumentation folgen, könnte dies weitreichende Präzedenzwirkungen für die rechtliche Einordnung von Smart-Contract-Exploits haben. Für Anleger hierzulande bleibt die steuerliche Einordnung solcher Ereignisse nach § 22 EStG und die Frage der Haltefrist bei entschädigungsbedingten Vermögensverschiebungen weiter relevant.