Prediction Markets: Der Boom der Event-Kontrakte und die Regulierungslücke
Nach einem mysteriösen 400.000-Dollar-Gewinn auf den Sturz Maduros rücken dezentrale Prognosemärkte in den Fokus. Sie umgehen Glücksspielgesetze, doch Insiderhandel und mangelnde Transparenz sorgen für Kritik.
Datum
13. Januar 2026

Key Takeaways:
- Ein anonymer Trader gewann über 400.000 US-Dollar auf Polymarket, nachdem er auf den Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gewettet hatte – die Einsätze wurden Stunden vor der Überraschungsaktion platziert.
- Prediction Markets boomen und bieten Wetten auf alles von Wahlen bis zu Popkultur, reguliert werden sie jedoch anders als traditionelles Glücksspiel.
- Die Plattformen nutzen eine regulatorische Lücke auf Bundesebene und umgehen so staatliche Glücksspielverbote, was zu rechtlichen Grauzonen und Debatten über Insiderhandel führt.
- Große Player wie Kalshi, DraftKings und Robinhood drängen in den Markt, während die Aufsichtsbehörde CFTC personell geschwächt ist.
Der Fall Maduro: Zufall oder Insiderwissen?
Die Welt der dezentralen Prognosemärkte wird von einem spektakulären Fall aufgewühlt. Ein anonym bleibender Trader kassierte vergangene Woche mehr als 400.000 US-Dollar Gewinn auf der Plattform Polymarket. Seine Wette: Dass der venezolanische Präsident Nicolás Maduro bald sein Amt verlieren würde.
Das Brisante: Der Großteil der Einsätze wurde nur wenige Stunden platziert, bevor Ex-Präsident Donald Trump die nächtliche Militäraktion bekannt gab, die zu Maduros Gefangennahme führte. Die enge zeitliche Koinzidence und die fokussierte Handelsaktivität des Traders nährten im Netz sofort den Verdacht auf Insiderhandel.
Polymarket hat auf Anfragen zu dem konkreten Fall nicht reagiert.
Andere Beobachter halten dagegen, dass das Risiko, erwischt zu werden, zu groß sei und dass bereits länger kursierende Spekulationen über Maduros Zukunft die Wetten erklären könnten. Unabhängig von der Aufklärung dieses Einzelfalls wirft der Vorfall ein grelles Licht auf die undurchsichtige, rund um die Uhr handelbare Welt der Prediction Markets.
Wie funktionieren Prediction Markets?
Im Kern handelt es sich bei Prediction Markets um Plattformen, auf denen Nutzer auf das Eintreten zukünftiger Ereignisse wetten können – sogenannte Event-Kontrakte. Das Spektrum ist enorm:
- Geopolitische Konflikte und Wahlergebnisse
- Sportereignisse und Transfers von Sportlern
- Popkultur (z.B. ein „geheimes Finale“ von Stranger Things)
- Sogar die Bestätigung außerirdischen Lebens durch die US-Regierung
Ein Kontrakt wird typischerweise als „Ja“ oder „Nein“-Frage formuliert. Sein Preis schwankt zwischen 0 und 1 US-Dollar und spiegelt die kollektiv eingeschätzte Wahrscheinlichkeit (0-100%) wider, dass das Ereignis eintritt.
- Steigende Wahrscheinlichkeit → Der Kontrakt wird teurer.
- Nutzer können vor Eintritt des Ereignisses mit Gewinn verkaufen oder Verluste begrenzen.
Befürworter argumentieren, dass der finanzielle Einsatz zu besseren kollektiven Prognosen führt. Kritiker warnen vor alltäglichen finanziellen Verlusten, der Gefahr der Spielsucht und den breiten Möglichkeiten für Insiderhandel in der oft anonymen Handelsumgebung.
Die großen Player im Rennen
Der Markt wird von einigen großen Namen dominiert und wächst rasant:
- Polymarket: Einer der weltweit größten Märkte, finanziert via Kryptowährungen und traditionelle Zahlungsmittel. Nach einem US-Verbot unter Biden erhielt die Plattform unter Trump Ende 2025 die Erlaubnis zur Rückkehr.
- Kalshi: Seit 2020 bundesweit regulierter Konkurrent, der Wetten auf Wahlen und Sport landesweit anbietet.
- Neue Mitbewerber: Sportwetten-Giganten wie DraftKings und FanDuel starteten erst vor einem Monat eigene Plattformen. Robinhood erweitert sein Angebot.
- Wahrnehmung: Selbst Trumps Social-Media-Plattform Truth Social plant über eine Partnerschaft mit Crypto.com einen eigenen Prognosemarkt.
Interessant ist die personelle Verflechtung: Donald Trump Jr. hat beratende Funktionen sowohl bei Polymarket als auch bei Kalshi inne.
Die regulatorische Grauzone
Die entscheidende Frage ist: Warum können diese Wetten in den USA angeboten werden, wo Sportwetten in vielen Staaten wie Texas oder Kalifornien noch illegal sind?
Die Antwort liegt in einer regulatorischen Lücke. Prediction Markets werden nicht als Glücksspiel, sondern als Handel mit Event-Kontrakten eingestuft. Damit fallen sie unter die Aufsicht der US-Terminbörsenaufsicht CFTC – und nicht unter die Glücksspielgesetze der einzelnen Bundesstaaten.
„Es ist ein riesiges Schlupfloch“, sagt Karl Lockhart, Jura-Professor an der DePaul University. „Man muss nur einen Regelsatz einhalten, nicht die Regeln jedes einzelnen Bundesstaates.“
Diese Einordnung ermöglicht es Plattformen, landesweit Wetten auf Sport und Wahlen anzubieten, selbst in Staaten, die traditionelles Sportbetting verbieten. Eine wachsende Zahl von Bundesstaaten und Indianerstämmen klagt dagegen – Experten rechnen mit einem Gang vor den Supreme Court.
Gleichzeitig ist die Aufsicht geschwächt: Die CFTC ist personell unterbesetzt, unter Trumps zweiter Amtszeit gab es Kürzungen und eine Abwanderung von Führungspersonal. Nur einer von fünf Commissioner-Posten ist besetzt.
Ausblick: Mehr Regulierung im Anmarsch?
Der Verdacht des Insiderhandels im Fall Maduro hat die politische Debatte befeuert. Der demokratische Abgeordnete Ritchie Torres brachte vergangenen Freitag einen Gesetzesentwurf ein, der Regierungsmitarbeiter von politischen Event-Kontrakten ausschließen soll.
Interessanterweise unterstützt Tarek Mansour, CEO des konkurrierenden Anbieters Kalshi, den Vorstoß. Auf LinkedIn betonte er, dass Insiderhandel auf seiner Plattform schon immer verboten sei, forderte aber schärfere Maßnahmen gegen unregulierte Märkte.
Die Dynamik im Sektor ist ungebremst. Melinda Roth, Jura-Professorin an der Washington and Lee University, bringt es auf den Punkt: „Der Zug ist abgefahren. Diese Event-Kontrakte werden nicht wieder verschwinden.“ Die Frage ist nur, unter welchen Regeln die Fahrt weitergeht.