Jill Gunter: Warum Krypto gewinnt – trotz aller Zweifel
In einem exklusiven Podcast-Interview analysiert die Espresso-Mitgründerin die großen Trends: Von der neuen Regulierungs-Ära über Privatsphäre bis zu Ethereums Schicksalsfrage.
Datum
22. Februar 2026

Krypto-Expertin Jill Gunter sieht die Branche trotz aller Rückschläge auf einem klaren Siegeszug. In einem umfassenden Interview skizziert sie die entscheidenden Trends für die kommenden Jahre: eine neue Ära der Regulierung, den Aufstieg von Privatsphäre-Technologien und die Öffnung der Branche für neue Player. Gleichzeitig warnt sie vor politischen Fallstricken.
Die Frage „Ist Krypto tot?“ geistert immer wieder durch die Medien. Für Jill Gunter, Mitgründerin der Blockchain-Infrastrukturfirma Espresso und ehemalige Goldman-Sachs-Bankerin, ist die Antwort klar: „Ich denke, dass wir gewinnen… Krypto als Technologie und, wage ich zu sagen, als Industrie… gewinnt.“
Ihre Analyse basiert auf einem tiefen Verständnis der Schnittstelle zwischen traditioneller Finanzwelt und digitalen Assets. Gunter sieht eine Industrie, die ihre Ziele erreicht, auch wenn der Weg holprig ist.
Die große Infrastruktur-Wende
Der Fokus verschiebt sich laut Gunter hin zu modularen Lösungen und Interoperabilität. Projekte wie ihr eigenes Espresso arbeiten daran, die Grundlagen für die nächste Generation von Anwendungen zu legen.
„Infrastruktur ist wirklich langlebig“, sagt Gunter. „Diese Elemente sind immer noch da und rocken.“
Besonders spannend: Die nächste Nachfragewelle kommt nicht mehr von Krypto-Natives, sondern von Unternehmen und neuen Startups, die die Technologie für pragmatische Lösungen nutzen wollen. Die Flexibilität von Layer-2-Frameworks komme bei diesen Neueinsteigern gut an.
Bitcoin, Stablecoins und das marode Bankensystem
Gunter sieht beide Asset-Klassen als legitime Alternativen zu Fiat-Geld, allerdings mit unterschiedlichen Stärken:
- Bitcoin hat sich in bestimmten Nischen als Wertaufbewahrungsmittel etabliert.
- Stablecoins könnten sich sogar als die effektivere Alltags-Alternative erweisen.
Der Treiber für diese Entwicklung ist das Versagen der alten Infrastruktur: „Die alte Leitungsverlegung, bei der jede Bank ihre eigene individuelle Datenbank betreibt, war schrecklich“, so Gunter. Die Blockchain biete hier Transparenz und reduziere Risiken.
Privatsphäre: Der nächste große Trend
Hier liegt einer der spannendsten Wachstumsbereiche. Zero-Knowledge-Technologien (zk) ermöglichen es, Compliance-Regeln einzuhalten, ohne sensible Informationen preiszugeben.
„Man kann wirklich interessante Dinge mit Privatsphäre und Compliance mit zk machen“, erklärt Gunter.
Der Bedarf kommt von beiden Seiten:
- Privatpersonen, die ihre finanziellen Freiheiten schützen wollen.
- Großbanken, die ihre Geschäftsgeheimnisse vor der Konkurrenz wahren müssen.
Gunter warnt vor einer nahen Zukunft, in der Internetplattformen unsere finanziellen Transaktionsdaten lesen und für gezielte Werbung monetarisieren werden. Privatsphäre wird zum entscheidenden Schutzmechanismus.
Regulierung: Von der Konfrontation zur Kooperation
Die Haltung der US-Börsenaufsicht SEC hat sich laut Gunter dramatisch gewandelt. Während frühere Subpoenas gegen Unternehmer eine „eiskalte Abschreckungswirkung“ hatten, habe die Behörde nun „ihre Eingangstür aufgestoßen und begonnen, Krypto-Unternehmer einzuladen“.
Dieser Stimmungswandel hin zu mehr Kooperation ist Teil eines größeren gesellschaftlichen Trends, der persönliche Freiheiten und bürgerliche Freiheiten in den Vordergrund stellt – ein Diskurs, den die Krypto-Branche maßgeblich mitgeprägt hat.
Ethereum am Scheideweg
Eine der wichtigsten strategischen Fragen betrifft das Ethereum-Netzwerk. Gunter prognostiziert einen harten Konflikt:
„Ethereum wird zu einer schwierigen Versöhnung über Dezentralisierung gezwungen werden.“
Das Netzwerk stehe vor der Wahl, entweder seine dezentralen Ideale strikt zu priorisieren oder den pragmatischen Bedürfnissen von Unternehmen und neuen Anwendern nachzugeben. Der Eintritt von Corporate Playern verändere die Prioritäten für Infrastrukturbauer fundamental.
Warnung vor politischen Fallstricken
Trotz aller Zuversicht sieht Gunter auch Risiken, die vor allem aus der US-Politik kommen könnten. Die zunehmende Wahrnehmung, dass Krypto mit der Trump-Familie verbunden ist, könnte einen gefährlichen Backlash auslösen.
„Das, was diese Industrie zurückhalten wird, ist, dass sie der Trump-Familie Milliarden gibt“, warnt sie.
Diese politische Vereinnahmung könnte das Image der gesamten Branche beschädigen und regulatorische Gegenreaktionen provozieren, unabhängig von den technologischen Fortschritten.
Fazit: Das Ende der Krypto-Monokultur
Jill Gunters zentrale These ist, dass die Pionierphase endgültig vorbei ist. „Es wird keine Krypto-Monokultur mehr geben“, stellt sie fest. Die Branche diversifiziere sich, werde erwachsener und für ein breiteres Publikum zugänglich.
Die größte Stärke liege im Zustrom von „frischem Blut“ – Entwicklern und Unternehmern, die nicht von der Krypto-Kultur sozialisiert wurden, sondern einfach robuste Technologie für reale Probleme bauen wollen. Das, so Gunter, sei der „bullischste“ Trend von allen.